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(de) Germany, Dortmund, AGDO: Der apfel & der stamm - Katja - Fragmente von Gemeinschaft (ca, en, it, pt, tr)[maschinelle Übersetzung]
Date
Mon, 11 May 2026 06:06:24 +0300
CN - zwischenmenschliche Konflikte, Machtmissbrauch
web - www.transform-social.org
Perspektive - weiße queere cis-weibliche Person in einem Berliner
Hausprojekt.
Gemeinschaft ist, wenn du dich erinnerst, dass auf dem Klo kein
Klopapier mehr ist und schnell hinrennst, um lachend der nächsten Person
gerade noch rechtzeitig eine neue Rolle zu überreichen.
Was sind die Motivationen, nach Gemeinschaft zu suchen? Nicht wohlfühlen
in der Gesellschaft, in der mensch ausgegrenzt wird. Die Isolation nicht
mehr aushalten können. Nicht mit dem kapitalistischen Wettbewerb
mithalten können oder wollen. Zur klimafreundlichen Langsamkeit
beitragen wollen. Ressourcen teilen wollen, um den ökologischen
Fußabdruck zu senken. Mit psychischen Leiden kämpfen. Sich
weiterentwickeln wollen. Unterstützung brauchen. Zusammen spielen wollen.
Unterschiedliche Biografien, unterschiedliche Utopien. Zusammen in einer
Gemeinschaft? Erst mal passt es, erst mal steht die Gruppen-Euphorie und
das gemeinsame Ziel im Mittelpunkt. Dann wird es schwieriger. Dann
kommen die, die meinen, sie wüssten, wie "die richtige", "die wahre"
Gemeinschaft funktioniert, die sich dominant in den Vordergrund stellen,
Inputs für die anderen geben. Konfliktpotential, jedenfalls aus
anarchistischer Perspektive.
Was ist eigentlich Gemeinschaft? (Nein, das ist nicht die eine
"richtige" Deutung, lol.) Gemeinschaft zeichnet sich nicht nur durch
einen sozialen Zusammenhalt aus, sondern auch durch gemeinsame
Ressourcen. Das müssen nicht unbedingt materielle Güter wie Häuser im
Fall von Hausprojekten sein. Es können auch die gemeinsamen Ziele und
Werte, die gemeinsamen Erfahrungen, gemeinschaftliche Zeit oder ein
gemeinsames Projekt sein. All dies sind Ressourcen, die geteilt,
gepflegt, und bewahrt werden wollen. Bei anarchistischen Gemeinschaften
ist dabei das besondere, dass nach Bedürfnissen und im Konsens über
Verteilung, Pflege, und Weiterentwicklung von Ressourcen entschieden
wird. Die Gemeinschaft entwickelnd sich mit dem dynamischen Ziel
anarchistischer Gesellschaften.
Eine anarchistische Gemeinschaft ist eine präfigurative Struktur, die
eine anarchistische Gesellschaft so gut wie "im falschen System" möglich
lebt, eine anarchistische Utopie konkret werden lässt. Eine
gegenkulturelle Bewegung, die das System zum Kippen bringen will.
Gemeinschaft ist, wenn ich riesige Mengen Lasagne zubereite und sie am
Ende ganz aufgegessen ist.
In einer anarchistischen Gemeinschaft ist der Fokus auf Bedürfnisse eine
Befreiung für die, deren Bedürfnisse im Kapitalismus wenig gehört
werden. Das Äußern von Bedürfnissen wird zur Entdeckung des Selbst, zum
Freiheitsschlag, zur gegenkulturellen Aktion.
Gleichzeitig besteht die Gefahr, dass der Fokus auf Bedürfnisse zu einem
Kippen in eine ungünstige Richtung führt: Wünsche, die als Bedürfnisse
vorgetragen werden, Bedürfnisse, die strategisch eingesetzt werden,
Bedürfnisse, die nicht verstanden und nicht akzeptiert werden. Menschen,
die möglichst emotional, dramatisch und eloquent mit viel Vehemenz und
Dringlichkeit die eigenen Bedürfnisse vortragen, finden mehr Gehör.
Weniger wortgewandte, schüchterne, weniger selbst-bezogene Menschen,
Menschen auf dem Spektrum, Menschen mit wenig Zeit für diese
Diskussionen, fallen dabei schon mal hinten runter. Menschen mit
Bedürfnissen, die im Weg stehen, werden durch wiederholtes Nachfragen,
was denn hinter den Bedürfnissen stünde, mensch hätte es immer noch
nicht verstanden, unter Druck gesetzt. Konflikte um knappe Ressourcen
werden zu einem Wettbewerb um die stärkeren und wichtigen Bedürfnisse,
Bedürfnisse zur Waffe.
Wieso kommt es zu diesen Schlachten? Nein, es können nicht immer alle
Bedürfnisse innerhalb einer Gemeinschaft erfüllt werden. Z.B. wenn es um
knappe Ressourcen, wie beispielsweise Räume in einem Hausprojekt geht.
Wie gehen wir damit um, dass es außerhalb der Gemeinschaft noch viel
mehr unerfüllte Bedürfnisse gibt? Stecken wir fest, in Mustern des
unreflektierten Konsumierens, des Konkurrenzkampfes? Schlimm wird es in
langfristigen Gemeinschaften, wenn vergangene Konflikte nicht geklärt
sind, Menschen das Gefühl bekommen, dass ihre Bedürfnisse immer wieder
hinten runterfallen und sich der Bedürfniswettbewerb hochschaukelt.
Dann geht Vertrauen verloren. Vertrauen darin, dass Bedürfnisse ehrlich
kommuniziert werden, Vertrauen darin, dass es den Leuten nicht nur um
sich selbst geht, dass getroffene Vereinbarungen eingehalten werden,
Vertrauen in die Zukunft, Vertrauen in anarchistische Gemeinschaften.
"Es passiert nur so viel, wie du selbst anstößt", sagte mir eine Person
bei meinem ersten Besuch in einem Hausprojekt. Stimmt das?
Ich wünsche mir, gerade für langfristige Gemeinschaften, dass wir
einander vertrauen können. Ein safer Space und Sicherheit. Dazu gehört,
das Muster des Abweisens von Verantwortung, das wir durch Sozialisation
in autoritären Strukturen gelernt haben, abzulegen. Es geht nicht um
Schuld, es geht um Verantwortung. Die Bedürfnisse aller zu respektieren,
Vereinbarungen, die anderen wichtig waren, zu respektieren. Wenn andere
nur mit Grummeln einer Vereinbarung zustimmen konnten, nach einer Weile
mal nachzufragen, wie es ihnen damit geht. Einzugreifen, wenn andere
einander angreifen. Passives Zuschauen ist die Normalisierung dieses
Verhaltens und eine weitere Demütigung der angegriffenen Person, ein
Verlust der Verhältnismäßigkeit, der Realität dessen, was angemessenes
Verhalten bedeutet. Verlust von Sicherheit und Gemeinschaft.
Eine anarchistische Gemeinschaft übt Kritikfähigkeit und Mut zur
Konfliktbewältigung. Kannst du als Anarchist*in mit Kritik umgehen, auch
wenn es um dein herrschaftsförmiges Verhalten geht? In langfristigen
Gemeinschaften ist Weglaufen vor Konflikten schwierig. In Hausprojekten
sind die Konflikte deine Nachbar*innen. Und wenn sie Überhand nehmen,
kommen Ignoranz, Zynismus, soziale Kälte.
Gemeinschaft ist, wenn in ländlichen Regionen, die ganze queere Bewegung
zusammen zum CSD kommt, ohne sich zu zersplittern.
Wollen wir den Fokus mehr auf zur Verfügung stehende Ressourcen
schieben? Durch welche Strukturen können wir Muster der Manipulation und
Herrschaft frühzeitig erkennen, bevor sich beschissenes Verhalten
normalisiert und Konflikte aufstauen? Welche Vereinbarungen treffen wir
zur Bearbeitung von Konflikten unterschiedlicher Eskalationsstufen und
halten wir uns auch an sie?
Soziale Gefüge in Gemeinschaften, zwischenmenschliche Interaktionen und
Bedürfnisse sind komplex. Vielleicht ist die Komplexität in der Gruppe
zu hoch. Vielleicht passen die Vorstellungen von Gemeinschaft nicht
zusammen. Trennung ist nur eine Option nach vielen anderen. Gerade, wenn
es um begehrte Ressourcen wie günstigen Wohnraum geht, ist Trennung
schwer. Leute bleiben, weil sie an der Ressource klammern, ohne noch
wirklich Lust auf die Gemeinschaft zu haben, was wiederum den Frust
derer stärkt, die die Gemeinschaftsstrukturen stärken wollen.
Trennung ist nicht Versagen oder Scheitern, sondern die Präfiguration
von vielfältigen Gemeinschaften, einer wichtigen anarchistischen Idee:
Vielfältige Gemeinschaften formen sich um gemeinsame Interessen oder
Bedürfnisse, Gemeinschaften entstehen und lösen sich auf, Gemeinschaften
trennen sich und koexistieren. Können wir Strukturen schaffen, die
Trennung erleichtern? Für Gemeinschaften, über die mensch Geschichten
erzählen kann, die das Narrativ verändern, die anarchistische
Gesellschaften vorstellbar machen.
Gemeinschaft ist das, was beim Lesen von "Stone Butch Blues" trotz all
der Wut über Gewalt Tränen der Rührung hervorruft.
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Dieser Text wurde in dem Zine "Der Apfel und der Stamm" zum Thema
Gemeinschaft erstveröffentlicht. Das Zine wurde mit viel Liebe von der
Anarchistischen Gruppe Dortmund organisiert, zusammengestellt,
gelayoutet und gedruckt. Lieben Dank dafür! Als Druck-Ausgabe ist es bei
Black Mosquito erhältlich und online als PDF findet ihr es hier.
https://archive.org/details/DerApfelUndDerStamm/FINAL/
Aus der Perspektive einer weißen queeren cis-weiblichen Person in einem
Berliner Hausprojekt.
https://archive.org/details/DerApfelUndDerStamm/Web_2026-03-13-Zine_Gemeinschaft_barrierearm/page/n1/mode/1up
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